Kulturdenkmal Ensemble Christuskirche - Maienstraße 2

Historischer Abriss - von Bernd Martin

Die am 31.Mai 1891 eingeweihte Christuskirche in der Wiehre, das zweite evangelische Gotteshauses nach der Ludwigskirche , wurde mit dem vier Jahre später der Kirche zugeordneten Gemeindehaus (Maienstraße 2) zum ersten, beispielgebenden "integrativen Kirchenbau" in Freiburg überhaupt. Mit damals etwa 8000 Gemeindemitgliedern erfasste der Kirchensprengel die sozialen Unterschichten, Arbeiter und kleine Angestellte, in der Unterwiehre - der großbürgerliche Anteil kam erst mit dem Ausbau der Oberwiehre vor dem Ersten Weltkrieg hinzu.

Von Anfang an stellte daher die Sozialarbeit einen wichtigen Faktor bei der seelsorgerischen Tätigkeit dar. Die Einführung eines gesonderten Kindergottesdienstes 1891, 800 bis 900 Kinder in 47 Gruppen von ehrenamtlichen Helferinnen organisiert, sowie die Einrichtung einer "Kinderbewahranstalt" 1897 waren für die Entwicklung der badischen Landeskirche richtungweisend. Erstmals war hier in Freiburg ein modernes Gemeindezentrum (Kirche, Pfarrhaus mit Gemeindesälen und benachbartem Kindergarten) entstanden.

Aufgrund der Bedeutung der Kirche war die Pfarrstelle mit herausragenden Persönlichkeiten besetzt, angefangen mit dem großherzoglichen Hofprediger Dr. Schmitthenner (1858-1932), dem späteren ersten evangelischen Landesbischof Dr. Julius Kühlewein (1873-1948) und den beiden Pfarrern Hermann Weber (1892-1937) sowie Otto Hof (1902-1980), beide erklärte Gegner des Nationalsozialismus, und in der Nachkriegszeit mit Berthold Kühlewein (1906-1980), später Leiter des Evangelischen Stifts in Freiburg, und nicht zuletzt Frido Ritter (1923-2008), dem Sohn des Historikers und führenden Mitgliedes der Bekennenden Kirche, Gerhard Ritter. Sohn Ritter sollte die integrative Sozialarbeit an der Christuskirche um die Eingliederung Behinderter (ABC-Kreis) erweitern. Die Kirche war seit ihrer Gründung immer ein Zentrum eines wahrhaft gelebten Christentums wie der Visitationsbericht von 1939 bemerkt: " In der Gemeinde der Christuskirche sind wirkliche kirchliche Traditionen lebendig, wie sie sich sonst in Baden kaum finden".

Weit über Baden hinaus strahlende Bedeutung erfuhr die Christuskirche in der Zeit des Nationalsozialismus, als sich infolge des heftigen innerkirchlichen Kampfes mit den (nationalsozialistischen)"Deutschen Christen" ein Zentrum der Bekennenden Kirche entwickelte (Badische Vereinigung im April 1934), das auf der Barmer Bekenntnissynode (Ende Mai 1934) mit Pfarrer Weber und dem Historiker Ritter prominent mit "der Wucht des Bekenntnisses" hervortrat. Die Entstehung des "Freiburger Kreises", der einzigen professoralen Widerstandsgruppe in Deutschland, zentriert um die Nationalökonomen Walter Eucken, Adolf Lampe , Constantin von Dietze und den Historiker Ritter, ist auf das Engste mit der Christuskirche und dem Gemeindehaus verbunden. Sprachen doch die Professoren häufig auf den donnerstäglichen sogenannten Bekenntnisabenden oder am Sonntag nach dem Hauptgottesdienst ein "Laienwort". In der Pfarrwohnung Maienstraße 2 wiederum fanden häufige Zusammenkünfte statt. Auch die erste gemeinsame Denkschrift, angeregt durch den Brand der Freiburger Synagoge (10.November l938), "Kirche und Welt" entstand zumindest in den theologischen Abschnitten in der Wohnung von Pfarrer Hof.

Ihren Höhepunkt erreichte die Zusammenarbeit zwischen den Pfarrern der Bekennenden Kirche (zu Hof müssen noch Karl Dürr, Paulusgemeinde, und Fritz Horch, Friedenskirche, hinzu gerechnet werden) und den oppositionellen Hochschullehrern in der im Auftrag Berliner Widerstandsgruppen ausgearbeiteten Denkschrift vom November 1942 "Politische Gemeinschaftsordnung", in welcher politische, wirtschaftliche und religiöse Entwürfe für ein Deutschland nach dem Kriege erstellt wurden. An der Tagung nahmen herausragende Vertreter des deutschen Widerstandes teil, Carl Goerdeler, Helmut Thielicke, Theophil Wurm und Otto Dibelius - Dietrich Bonhoeffer hatte in letzter Minute absagen müssen.
Die Denkschrift, noch dazu für anglikanische Kirchenkreise in England bestimmt, erfüllte den Tatbestand des Hoch- und Landesverrates, der im Krieg mit der Todesstrafe geahndet wurde.
Im Zusammenhang mit dem Attentat auf Hitler (20.Juli 1944) wurden die Freiburger Professoren (von Dietze, Lampe und Ritter) im September/November l944 in Gestapohaft nach Berlin überführt und entgingen ihrem Schicksal nur durch den schnellen Vormarsch der Roten Armee.

Die Freiburger leisteten aber nicht nur aktiven Widerstand unter Einsatz ihres Lebens, sondern wirkten durch ihr Schrifttum auch auf die politisch-wirtschaftliche Gesellschaftsordnung der Nachkriegszeit ein. Der so genannte "Ordo-Liberalismus", ein auf christlich ethischen Grundlagen aufgebautes Wirtschaftssystem, wie es vor allem Walter Eucken entworfen hat, beinhaltete eine vom Staat gelenkte, Bedarf deckende Wirtschaftordnung, eine Konzeption zwischen Raubtierkapitalismus und kommunistischer Planwirtschaft. Seit einigen Jahren sind diese Vorstellungen Euckens, die nicht zuletzt auch auf seine aktive Mitarbeit bei den Bekennenden in der Christus-Kirche zurückgehen, wieder höchst aktuell geworden. Auch die Entwicklung der Freiburger Universität und der nunmehr vereinigten evangelischen Kirche (EKD) nach dem Zweiten Weltkrieg wurde maßgeblich von den Freiburgern bestimmt. Constantin von Dietze, 1946 bis 1949 Rektor der Universität in der Zeit der politischen Säuberungen, leitete von 1955 bis 1961 als Präses die gesamtdeutsche Synode bis 1961.

Der geistige Hort und praktische Ort, mit dem all diese Tätigkeiten mutiger Pfarrer und Wissenschaftler verbunden sind, das Ensemble Maienstraße - Christuskirche, steht im Hinblick auf das Pfarrhaus aus finanziellen Gründen zur Disposition. Im Falle eines Verkaufs verlöre nicht nur Freiburg sein historisches evangelisches Zentrum, sondern die Kirche einen Hort Identität stiftender protestantischer Tradition.

 

Literatur:

Hasenclever, Adolf, Hundert Jahre Protestantismus 1807-1907. Festschrift. Freiburg 1907

Die Christuskirche in der Wiehre. Streiflichter aus hundert Jahren, 1891-1991. Freiburg l991.

Dagmar Rübsam und Hans Schadek (Hg.) Der " Freiburger Kreis" . Widerstand und Nachkriegsplanung . Katalog einer Ausstellung. Freiburg 1990.

Nils Goldschmidt (Hg.), Wirtschaft, Politik und Freiheit. Freiburger Wirtschaftswissenschaftler und der Widerstand. Tübingen 2005. Der darin enthaltene Beitrag von Bernd Martin "Professoren und Bekennende Kirche. Zur Formierung Freiburger Widerstandskreise über den evangelischen Kirchenkampf" S. 21-56, ist auch elektronisch in der Freiburger Universitätsbibliothek abrufbar.

 

Bernd Martin

  Letzte Aktualisierung: 2013/04/19 | Datei: Kulturdenkmal.html | Validate: HTML, CSS